Die Stille – geistige und körperliche Nahrung

... Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.

Blaise Pascal, Gedanken (1)

 

Die gegenwärtigen Menschen haben Angst vor Stille. Wir sind an das Übermaß der Impulse gewöhnt, das Leben im Lärm stört uns langsam nicht mehr. Dadurch berauben wir uns selber der besten Quelle für Kraft und innere Ruhe.

Der Lärmstärkepegel ist in bewohnten Gebieten heute so hoch, dass der Lärm  für Menschen vor 100 Jahren unvorstellbar wäre. Mehr noch, er wächst von Jahr zu Jahr. In großen Städten beträgt er während des Tages 70-80 Dezibel (dB) (2). Fast jeder zweite Pole lebt im Lärm, der höher ist als die zulässige Normen erlauben, d. h. 60 dB am Tage und 50 in der Nacht. (3) Langsam verlieren wir unsere Lärmempfindlichkeit; wir gewöhnen uns daran, da wir keinen Ausweg haben. Wenn wir aufs Land fahren,  ist die dort herrschende Stille beunruhigend – es passiert, dass wir nicht einschlafen können.

 

Der Lärm ist gefährlich!

 

Schon seit langem warnt die Medizin von den schädigenden Folgen des Lärms. Der Lärm beschädigt unseren Gehörsinn. Unmittelbare Folge ist die Verschiebung der Hörschwelle: wir hören keine leisen Töne mehr, wir brauchen lautere Hörimpulse. Bei dem Lärmpegel von über 80 dB kommt es zu dauerhaften Beschädigungen des Gehörsinns. Die Entstehung der Gehörsinnbeschädigung ist ein schleichender Prozess – der Verlust erscheint langsam und schmerzlos. Daher merken die durch Lärmeinwirkung betroffenen Personen erst deren schlechte Folgen, wenn die Verluste ernst sind. (4)

Die Schallwellen werden nicht nur durch die Ohren empfangen, sondern durch den ganzen Organismus; der Lärm zestört nicht nur den Gehörsinn! Die anatomischen Verbindungen zwischen den Nerven-Gehör-Weg und der Hirnrinde führen dazu, dass die Hörimpulse auf das ganze Hirn einwirken und dadurch auf den Zustand und Funktion vieler innerer Organe. Der Lärm ist vor allem eine starke Stressquelle und als solche kann sie die Krankheitsentwicklung beinflussen, (z. B. Blutdruckkrankheit, Geschwüre oder Neurose) (5).

Andere Folgen der Lärmeinwirkung sind noch nicht völlig erforscht. Experimentell konnte man zeigen, dass schwächere akustischen Impuls (55 – 75 dB)  Konzentrationszerstreuung verursachen, sie stören bei der Arbeit und verringern ihre Produktivität. Hingegen treten nach der Pegelüberschreitung von 75 dB treten ernste Störungen im Funktionieren des Organismus auf: Müdigkeit, Schlafstörungen, Angstzustände und Depressionen, Kreislauf- und Verdauungsstörungen. Die Auswirkungen des Lärmdrucks  kumulieren sich mit der Zeit; dauerhafte Lärmgefährdung ist gefährlicher als unterbrochene, da der Organismus keine Zeit zum Regenerieren hat. Deshalb ist es wichtig, sich gelegentlich eine Weile Ruhe zu gönnen – wir ermöglichen dann unserem Organismus sich zu erholen und zu regenerieren.

Gewöhnlich machen diejenigen Forscher auf die Gefahr des Lärms aufmerksam, die sich mit der Sicherheit am Arbeitsplatz befassen. Aber die Informationen betreffen nicht nur die Menschen, die in Fabriken voller lauter Maschinen arbeiten! Wir alle sind zunehmend Lärm gefährdet – zum Beispiel verursacht ganz einfacher Straßenverkehr Lärm mit einem Pegel von 80-90 dB. Das ist besonders schädigend für Kinder. Der sich entwickelnde Fötus ist sehr geräuschempfindlich – man hat den Lärmeinfluss auf die Häufigkeit von Geburtsfehler bei Neugeborenen bestätigt, deren Mütter während der Schwangerschaft dem erhöhten Lärm ausgeliefert waren; die älteren Kinder, die in einer lauten Umgebung aufgewachsen sind, zeigen häufiger Schwierigkeiten bei der Sprachentwicklung und Lesen, sowie Konzetrationsmangel.

Die Flucht vor der Stille

 

Der Lärm schadet nicht nur dem Körper. Da Körper und Geist untrennbar sind, verhindert der Überfluss von Geräuschen unsere Konzentration und effiziente Handlungen. Es ist kein Zufall, wenn wir voll vom Lärm umgeben, sagen: „ich höre meine eigenen Gedanken nicht! – tatsächlich, wir hören sie nicht!

Es geht nicht nur um Effizienz. Ein Leben in dauerhaftem Lärm hat auch tiefere, geistige Folgen. Er macht nämlich die Konzentration und Aufmerksamkeit unmöglich – nicht nur die Konzetration bei der Arbeit, sondern beim Einsätzen und Durchleben eines jeden Moments unseres Lebens. Denken wir daran, wieviele Impulse (vor allem Informationen) täglich an uns gelangen; auch bei der Arbeit oder in der Freizeit mit unseren Nächsten, zusätzlich schalten wir das Fernsehen, Radio oder Musik ein. Viele Personen haben zugegeben, dass sie sich alleine zu Hause unbehaglich fühlen; sie müssen im Hintergrund irgendwelche Geräusche hören – normalerweise gucken sie weder das TV-Programm noch hören die Musik; das Geräusch von unbekannten Stimmen oder die Musik bewirken, dass sie sich sicher fühlen. Mehr und mehr Menschen haben Angst vor Stille – da sie sich vor sich selber fürchten, sie haben Angst alleine mit den eigenen Gedanken und Gefühlen zu bleiben.

Der Überfluss von Informationen, den wir täglich von verschiedenen Medien bekommen, bewirkt, dass wir von denen so viel wie möglich aufnehmen wollen, um „in” zu bleiben. Um jeden Preis versuchen wir produktiv zu sein, wir fühlen, dass wir die Zeit maximal ausnutzen müssen. Daher machen wir mehrere Sachen parallel: wir unterhalten uns beim Autofahren; bei der Arbeit hören wir der neuesten Musik oder den Podcats aus dem Internet zu. Dann haben wir die Illusion, dass wir ständig mit der Welt im Kontakt sind – in Wirklichkeit zetreuen wir uns nur weiter. Die Mehrheit der Impulse, denen wir aussetzt sind, dringt nicht in uns ein; wir können weder die Musik richtig schätzen noch mit Verstand zuhören.

Wir brauchen eine Bestätigung von außen, dass unser Leben einen Sinn hat; daher fühlen wir, dass wir stets im Kontakt mit Anderen bleiben müssen – mit Hilfe von Handy oder sozialen Netzwerken. Den Zwang „online” zu sein sollte man von gesunden Kommunikationsbedürfnissen und den Kontakt mit Anderen unterscheiden. Der Zwang raubt uns Energie, wir fühlen uns verloren; wir brauchen noch intensivere Außenimpulse, dass überhaupt irgendetwas zu uns durchdringen kann, es muss laut sein (wörtlich und in Metaphern).  Wir verlieren unsere Empfindlicheit, sind grundlos aufgeregt – und versuchen diesen Zustand mit noch einer Lärmportion zu übertönen. Wir flüchten uns in Lärm, genauso wie man sich in Alkohol oder Drogen flüchten kann.

Obwohl wir im größeren Maß auf die Luft, die wir einatmen und die Produkte, die wir verzehren aufpassen, da sie verschmutzt werden könnten, denken wir selten an die Verschmutzung unserer Umgebung durch überflüssige Geräusche. Das ist genauso schädigend wie das Atmen des Smogs in der Stadt. Im Lärm lebend verschlechtern wir die Qualität unseres Lebens – zerstreuen die Aufmerksamkeit, setzen uns unnötigen Stress aus, übertönen wir unsere Ängste, statt nach der Ursache zu suchen. Wir nehmen uns die Möglichkeit selber weg zu unserer innerlichen Kraftquelle zu gelangen.

 

Ein Moment der Stille und die Meditation

 

Wie kann man sich vom täglichen Stress, der durch Lärm verursacht wird, befreien? Barbara Berger, die Autorin des Buches „Endecke Kraft in dir” (6) empfiehlt das Erwirtschaften von einigen Minuten täglich für einen persönlichen Kontakt mit der Stille.  Wie sie überzeugt, die Stille ist die Kraftquelle; ermöglicht unsere innere Stimme zu hören, vordringen zur Quelle der innerlichen Ruhe und Kreativität. Es geht hier nicht nur um Beruhigung und Entspannung, es geht um Erlangen eines neuen Blick auf das Leben und die Welt – bewusstvolle Ausübung in einer Stille zu sein, ermöglicht Zugang zur Weissheit und Verständigung der Regeln, die das Universum regieren (7).

Es handelt sicht hier nicht um reine Meditation, sondern um eine Übung, die einer Meditation gleicht. Meditation erlaubt uns, einen Zugang zu unserem tiefen Ich zu erreichen und anschließend seine Grenze zu überschreiten und sich mit Gott zu vereinen. Das ist ein sehr schwerer und mehrstufiger Prozess. Die Meditaionslehre verlangt eine langjährige Vorbereitung. Das Dasein in der Stille verlangt keine zusätzlichen Übungen oder Vorbereitungen. Versuchen wir ganz einfach sie zu benutzen, um ein bisschen Ruhe zu bekommen, uns vom Stress und innerlichen Spannungen zu befreien und als den Weg, Kontrolle über ein eigenes Lebens zu erlangen. Die Vorteile - die Ruhe und geistiges Gleichgewicht - kommen sofort, mit der Zeit wird sich unser kurzer Kontakt mit der Stille in einem Prozess der geistigen Wandlung verändern.

Einen Tiefgang in der Stille gleicht einer Meditation, da die Intuitionskraft, irrationaler Erkenntnis aktiviert wird, was uns ermöglicht, ganz unerwartete, frische Ideen und Endeckungen zu machen. Wenn wir durch die täglichen Sorgen erdrückt sind oder vor die Notwendigkeit einer schweren Entscheidung stehen, sollen wir nicht um jeden Preis eine schnelle Lösung finden. Statt dessen ist es besser... sich in Stille hinzusetzen, aufhören zu sorgen und nicht in Panik verfallen. Es ist möglich, dass die richtige Lösung von „nirgendwoher” von alleine kommt – deine Intuition wird sie liefern. Ihre Stimme ist nur in der Stille zu hören.

 

10 Minuten der Stille

 

Bestimme in deinem Tag 10 Minuten für Stille. Mach die Zimmertür zu, schalte das Telefon aus; entspanne dich, erlaube, dass die Stille dich umgibt; denke an nichts Konkretes. Nach einer Weile wird dein Verstand selbst eine Richtung wählen, in der er weiter gehen möchte (8). Erlaube ihm es zu machen, zwinge zu nichts. Nach dem Ablauf von 10 Minuten kehre zu deinen Beschäftigungen zurück.

Diese 10 Minuten der Stille sind die beste Art der Erholung und Regeneration deines Organismuses. Gleichzeitig ist es eine Pause vom täglichen Lärm. Sitzend in der Stille und „nichts tun” entwickelst du deine Aufmerksamkeit: die Fähigkeit den gegenwärtigen Moment bewusst zu erleben und ihn richtig einzuschätzen (9). Das ist auch eine Grundlage, um sich am Leben zu erfreuen.

Wiederhole die Übung konsequent jeden Tag. Anfangs kannst du dich seltsam und unbehaglich fühlen. In deinem Verstand kann der Gedanke erscheinen: „ich sitze hier und so viel Arbeit wartet auf mich” –  du sollst ihn vertreiben. Die Angst vor der Stille ist gleichzeitig Furcht vor dir selber (10). Sowas muss man überwinden. Das Sitzen in Stille ist das beste, was du für dich machen kannst. Stufenweise wirst du die Pracht, die in Stille ist entdecken; möglicherweise wirst du es verzögern wollen. Auf der höheren Stufe des Fortschritts tut es gut, gelegentlich einen Nachmittag oder den ganzen Tag in Stille zu erleben.

Mit der Zeit verbessert sich deine Konzentration, öffnet sich das Tor zur Kreativität, Weissheit und Selbsterkenntis. Du wirst merken, wie unkonventionell du denken kannst, wie einfacher kannst du tägliche Probleme lösen; vielleicht endeckst du ein Bedürfnis für eine neue kreative Beschäftigung. Die Stille nämlich gibt nicht nur die Kraft, sondern liefert beste Hinweise. Alle großen Ideen und Entdeckungen wachsen aus der Stille.

Erlaube der Stille dein Leben zu bereichern. Wenn auch nur 10 Minuten täglich – es ist nicht viel, macht aber einen großen Unterschied.